Kölns Davie Selke bedankt sich nach seiner Auswechslung bei den Fans. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Marius Becker/dpa)

Diesmal war Robert Andrich entnervt. Angesprochen auf seine ständigen Diskussionen mit Kölns Stürmer Davie Selke, bemühte sich der Mittelfeld-Motor von Bayer Leverkusen gar nicht erst um beschwichtigende Worte. Sein Ärger habe «vielleicht mit der Art zu tun, wie er spielt», sagte Andrich nach der 1:2-Derbyniederlage der Leverkusener über den doppelten Torschützen des FC: «Das ist mir in vielen Situationen ein bisschen zu theatralisch. Und das habe ich eben öfter mal kundgetan.»

Ein «Bandit» auf dem Feld

Selke ist eben ein Spieler mit Ecken und Kanten. Einer, der provoziert, Zeichen setzt und mit allem an der Grenze des Erlaubten arbeitet – und manchmal auch kurz darüber. Als ihn der Augsburger Jeffrey Gouweleeuw – kurioserweise wie Andrich eigentlich selbst so etwas wie der aggressive Leader seines Teams – vor vier Wochen der «Schauspielerei» bezichtigt hatte, war Trainer Steffen Baumgart für ihn in die Bresche gesprungen.

«Hermann Gerland hat in seinem Buch geschrieben: Wenn du etwas gewinnen willst, brauchst du Banditen», hatte der frühere Stürmer Baumgart damals gesagt. Und auf die Frage, ob Selke ein «Bandit» sei, geantwortet: «Auf dem Feld auf jeden Fall. Und da erinnert er mich an einen, der am Rand steht und ab und zu laut ist. Denn ich war auch einer.»

Am Freitagabend war es dann selbst dem Trainer bisweilen ein wenig zu viel. Auf die Frage, ob er Selke angestachelt habe, erklärte der Coach: «Im Gegenteil. Ich habe gesagt, dass wir ruhig bleiben müssen. Und ich bin alleine in der ersten Halbzeit zwei-, dreimal mit Davie ins Gespräch gegangen, weil ich nicht wollte, dass er durchs Provozieren Gelb sieht.»

«Ich haue alles für meine Jungs raus»

Doch wenn man sich fragt, ob Selke trotzdem zum Matchwinner wurde, lautet die Antwort eher: Genau deswegen. Auf die Rangeleien und Rudelbildungen angesprochen, sagte der 28-Jährige lächelnd: «Ich genieße das im Allgemeinen immer. Ich haue alles für meine Jungs raus. Es war ein Derby und da gehört ein Extra an Emotionalität auch dazu. Danach gibt man sich die Hand und dann ist gut.»

So hat er sich wohl auf Betriebstemperatur gebracht. So fiel er in Leverkusen dann auch mit mehr auf als seinem oft bewundernswerten und manchmal fragwürdigen Einsatz. Und wurde mit seinem ersten Doppelpack seit fünf Jahren – mit dem letzten im Trikot von Hertha BSC besiegelte er 2018 quasi den bis heute letzten FC-Abstieg – zum Derby-Helden. Baumgart kann mit Fug und Recht behaupten, dass er immer an den anfangs sehr unglücklich agierenden Winter-Zugang geglaubt hat. «Ich höre ja öfter von außen, was einer kann und was nicht», sagte der Trainer: «Deshalb bin ich froh, dass ich der Trainer bin und mit der ein oder anderen Einschätzung richtig liege.»

Holger Schmidt, dpa
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