Hört zum Ende der Saison als Trainer beim FC Liverpool auf: Jürgen Klopp. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Carl Markham/PA Wire/dpa)

Das Heimspiel gegen Norwich City an diesem Sonntag war bisher nur als Fußnote in der großen Geschichte des FC Liverpool vorgesehen. Ein Pokalspiel der vierten Runde, gegen einen Zweitligisten als Gast. Doch nun steht dem Stadion an der Anfield Road ein Nachmittag bevor (15.30 Uhr/DAZN), der selbst nach Anfield-Maßstäben ein besonders emotionaler zu werden verspricht.

Es ist das erste Heimspiel des FC Liverpool nach der Nachricht, dass der deutsche Trainer Jürgen Klopp den Club nach dieser Saison verlassen wird. Es ist das erste Heimspiel nach dem Moment, vor dem sich Millionen schockierter Fans dieses Weltclubs immer gefürchtet haben.

«Mir geht die Energie aus», sagte Klopp in einer Videobotschaft, die der neunmalige Europapokal-Sieger und 19-malige englische Fußball-Meister Liverpool ins Internet stellte. «Ich habe im Moment kein Problem. Aber ich weiß auch, dass ich den Job nicht wieder und wieder und wieder und wieder machen kann.»

Deshalb gibt es auch erhebliche Zweifel daran, dass Klopp im Sommer nach der Heim-EM die deutsche Nationalmannschaft übernehmen könnte. «Kein Club, kein Land für das nächste Jahr. Und kein anderer englischer Club jemals. Das kann ich versprechen, selbst wenn ich nichts mehr zu essen haben sollte», fügte der 56-Jährige am späten Nachmittag bei einer Pressekonferenz des LFC hinzu. Selbst ein Karriereende schließt er nicht aus.

Klopp für Liverpool nicht «nur» ein Trainer

Klopp übernahm den FC Liverpool vor mehr als acht Jahren – am 8. Oktober 2015. Er gewann mit ihm die Champions League, die Club-WM und die erste englische Meisterschaft seit 30 Jahren. Mit Klopp an der Seitenlinie zerlegten seine Reds den FC Bayern (3:1/2019), den FC Barcelona (4:0/2019) oder den Erzrivalen Manchester United (7:0/2023).

Aber Klopp war und ist für Liverpool immer mehr, als es Pep Guardiola für Manchester City oder José Mourinho einst für den FC Chelsea waren. Er ist nicht «nur» ein Trainer, der den Stil des Clubs prägte und dessen Trophäenschrank füllte. Klopp verkörpert in den Augen vieler Liverpool-Fans genau das, wofür der gesamte Club steht: Leidenschaft, Hingabe, Weltoffenheit, Identifikation.

«Ich liebe alles an diesem Club», sagte er in dem Video. «Ich liebe alles an dieser Stadt. Ich liebe alles an unseren Fans. Ich liebe das Team. Ich liebe den Staff. Ich liebe alles. Dass ich diese Entscheidung immer noch treffe, zeigt, dass ich überzeugt bin, dass es die Entscheidung ist, die ich zu treffen habe.» Selbst bei der Ankündigung seines Abschieds klang Klopp genau so, als ob er dafür geboren worden sei, genau diesen Club zu trainieren.

Tuchel: «Das muss ich erstmal verdauen»

Entsprechend fielen auch die Reaktionen aus. Das sei «eine Hammermeldung», sagte Bayern-Trainer Thomas Tuchel, der Klopp einst bei Borussia Dortmund nachfolgte und der ihn später auch als Coach des FC Chelsea herausforderte. «Das muss ich erstmal verdauen. Kloppo ist einer der allerallerallerbesten Trainer auf der Welt.»

Auch der Amerikaner Mike Gordon sagte als Präsident der Fenway Sports Group, der der FC Liverpool gehört: «Es versteht sich von selbst, dass wir sehr traurig sein werden, nicht nur einen Trainer dieses Kalibers zu verlieren, sondern auch eine Person und Führungskraft, für die wir enormen Respekt, Dankbarkeit und Zuneigung empfinden.»

Bei genauem Hinsehen ist die Ankündigung von Klopps Abschied aber weder überraschend noch unpassend gewählt. Der Trainer eines englischen Spitzenteams hat mehr Wettbewerbe zu bestreiten und club-interne Verantwortung zu tragen als jeder Kollege in der deutschen Bundesliga. Und abgesehen von einer viermonatigen Pause zwischen seinem letzten Spiel mit Borussia Dortmund und seinem ersten beim FC Liverpool zieht Klopp diesen Trainerjob nun schon seit 21 Jahren ununterbrochen durch.

Klopp auch mit neuformiertem Team auf Titelkurs

«Es gibt so viele Dinge in diesem Job, wo man sein Bestes geben muss», sagte er. Aber: «Ich kann nicht auf drei Rädern fahren. Das ist nicht erlaubt. Und ich wollte auch nie nur der Beifahrer sein.»

Noch einmal baute er in Liverpool vor dieser Saison ein neues Team auf, in dem junge Kräfte wie der Weltmeister Alexis Mac Allister oder der Ex-Leipziger Dominik Szoboszlai langjährige Gesichter wie Jordan Henderson oder Roberto Firmino ersetzen. Und diese Maßnahme ging bislang so gut auf, dass Klopp nun als Tabellenführer der Premier League und Finalist des Ligapokals in seine letzten Monate in Liverpool gehen wird. Den tradistionsreichen FA-Cup und die Europa League kann er mit seinem neuformierten Team auch noch gewinnen.

Wer wird Klopp an der Anfield Road beerben?

Wer auch immer ihm an der Anfield Road folgen wird, ist gewarnt: In Dortmund scheiterten selbst Toptrainer wie Tuchel oder Lucien Favre, auch weil sie stets an dem Menschenfänger Klopp gemessen wurden. Der Ex-Liverpooler Xabi Alonso (Bayer Leverkusen), Clublegende Steven Gerrard (Al-Ettifaq) oder der deutsche Bundestrainer Julian Nagelsmann: Das ist die Kategorie, die sich die Fans des Clubs jetzt als Klopp-Nachfolger vorstellen.

Klopp selbst wird sich an dieser Suche nicht beteiligen. «So viele Leute arbeiten hier und haben nur eins im Sinn: Die perfekte Lösung für den FC Liverpool zu finden», sagte er. «Und das Letzte, was sie brauchen, ist ein Ratschlag von dem alten Mann, der sich verabschiedet.»

Sebastian Stiekel, dpa
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