Kroatiens Bruno Petkovic (2.vl) jubelt nach seinem Tor zum 1-1 im Viertelfinale gegen Brasilien. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Manu Fernandez/AP/dpa)

Kroatiens Mittelstürmer musste schon vor dem WM-Halbfinale gegen Argentinien und seinen Superstar Lionel Messi einmal kräftig schlucken. «Davon», sagte Bruno Petkovic und brauchte für diesen Satz sehr lange, «möchte ich einmal meinen Kindern erzählen.»

Petkovic, 1,93 Meter groß, 88 Kilogramm schwer und damit in Statur und Spielweise so etwas wie der Gegenentwurf zu Messi, hat den Kroaten durch sein spätes Tor gegen Brasilien überhaupt erst den Weg in dieses Halbfinale geebnet. Zum dritten Mal in nur 24 Jahren gehört das kleine Vier-Millionen-Einwohner-Land zu den besten vier Mannschaften der Fußball-Welt. Aber nach allem, was man bei dieser WM in Katar bislang gesehen hat, ist das noch einmal eine besonders große Herausforderung: Diese Argentinier und vor allem diesen Messi am Dienstagabend zu stoppen (20.00 Uhr/ARD und Magenta TV).

Andere Voraussetzungen als 2018

Der viermalige Champions-League-Sieger und siebenmalige Weltfußballer des Jahres möchte endlich auch zum ersten Mal Weltmeister werden. Der wichtigste Titel ist der einzige, der ihm noch fehlt.

Wie sehr ihn das selbst mit 35 Jahren noch antreibt, zeigt kaum etwas besser als der Vergleich mit dem letzten Duell zwischen Argentinien und Kroatien in der Vorrunde der WM 2018. Vor vier Jahren stimmte nichts im Team. Gerade Messi wirkte lustlos und rieb sich statt an gegnerischen Trainern wie Louis van Gaal am eigenen Jorge Sampaoli. Das Ergebnis: ein demütigendes 0:3. Danach marschierten die Kroaten bis ins Endspiel durch, während die Argentinier schon nach dem Achtelfinale wieder zu Hause waren.

Diesmal ist vieles anders. «Er ist unser Kapitän, unser Leader, er geht mit seiner Leidenschaft voran. Zu wissen, dass wir Messi im Team haben, gibt uns einen großen Push», sagte Abwehrspieler Nicolas Tagliafico am Montag. Messi, Tagliafico und nur noch fünf andere Spieler – mehr sind im Vergleich zu 2018 nicht mehr dabei.

Kroatien mit «deutschen» Attributen

Bei den Kroaten hat sich weniger verändert. Spielmacher Luka Modric (37), Abwehrchef Dejan Lovren (33) und Linksaußen Ivan Perisic (33) bilden noch immer die Achse des Teams. Mittlerweile hat Kroatien bei Weltmeisterschaften genau die Rolle eingenommen, die man früher so oft den Deutschen zuschrieb: Es gibt Teams, die besser sind. Aber kaum eines, das so gut organisiert, so nervenstark und so schwer zu schlagen ist.

Es ist deshalb auch kein Zufall, dass Deutschland und Kroatien sich mittlerweile einen WM-Rekord teilen: Beide haben bei verschiedenen Weltmeisterschaften je vier Elfmeterschießen bestreiten müssen – und kein einziges davon verloren.

Über die Aura und die Struktur dieses Teams hat der Stürmer Petkovic vor dem Argentinien-Spiel einige bemerkenswert offene Dinge erzählt. Vor vier Jahren gehörte er noch nicht zum Kader, der Torjäger von Dinamo Zagreb war damals noch ein ziemlich frustrierter Ersatzmann des italienischen Erstliga-Clubs FC Bologna.

«Bei der Nominierung der Nationalmannschaft war ich ungefähr der 78. Spieler auf der Liste», sagte Petkovic. Also befand er sich gerade mit Bologna im Trainingslager, als das Halbfinale gegen England lief. «Ich habe meine Landsleute spielen sehen und war kurz davor, das Trainingscamp zu verlassen, um mir einen Flug und ein Ticket für das Endspiel in Moskau zu besorgen.»

«Eine perfekt geölte Maschine»

Er tat es nicht – und kann das Finale diesmal nun persönlich erreichen. «2018 ging bei uns für viele Spieler eine Ära zu Ende. Im Vergleich dazu haben wir jetzt viele neue, junge Spieler», sagte der 28-Jährige. Aber das, was diese Mannschaft zusammenhält, ist immer noch unverändert: ihre Achse, ihr Spielsystem, ihr starker patriotischer Antrieb. Und deshalb hatten WM-Debütanten wie Petkovic oder der erst 20 Jahre alte Josko Gvardiol von RB Leipzig auch stets das Gefühl, sich in etwas einzufügen, das «wie eine perfekt geölte Maschine» funktioniert (Petkovic).

«Wir sind ein kleines Land. Und wir wissen genau, wie wir unabhängig wurden», sagte Petkovic in Anspielung auf den Kroatien-Krieg zwischen 1991 und 1995. «Unsere Eltern haben uns immer erzählt: Du wirst im Leben nichts erreichen, wenn du nicht dafür kämpfst. Natürlich haben wir auch sportliche Qualität. Aber das allein reicht manchmal nicht.»

Mit dieser Haltung haben die Kroaten den Turnierfavoriten Brasilien im WM-Viertelfinale, den Weltmeister Frankreich in der Nations League und die Engländer im Halbfinale 2018 besiegt. Den Argentiniern ist das eine Warnung. «Kroatien hat schon sehr vielen Mannschaften sehr große Schwierigkeiten bereitet», sagte ihr Trainer Lionel Scaloni.

Sebastian Stiekel, Nils Bastek und Jens Marx, dpa
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