Eintracht-Legende Bernd Hölzenbein beim DFL-Neujahrsempfang im Jahr 2018. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Arne Dedert/dpa)

Elfmeter – oder nicht? Diese Frage begleitete Bernd Hölzenbein sein Leben lang. Nun ist der Weltmeister von 1974, der von 1967 bis 1981 in 420 Bundesligaspielen das Trikot von Eintracht Frankfurt mit dem Adler auf der Brust trug, am Montag nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 78 Jahren gestorben. Dies bestätigte der hessische Fußball-Bundesligist der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag. Zuerst hatte die «Bild» berichtet.

Wer an Hölzenbein denkt, der denkt vor allem an diese Szene im WM-Finale von München gegen die Niederlande, als er in der 24. Minute auf der linken Seite in den Oranje-Strafraum eindringt, der Niederländer Wim Jansen zur Grätsche ansetzt und Hölzenbein zu Fall kommt. Die Folge: Elfmeter für Deutschland, 1:1-Ausgleich durch Paul Breitner und nach dem Siegtor von Gerd Müller der Titel für die WM-Gastgeber.

Völler über Hölzenbein: «Ein wunderbarer Mensch»

War es ein Strafstoß oder eine Schwalbe? «Egal, wo ich bin, das kommt immer als Erstes», berichtete Hölzenbein, den die ständige Konfrontation mit dieser Szene eine Zeit lang sehr genervt hat. «Wenn dieser Elfmeter das Einzige ist, das von mir in Erinnerung geblieben ist, dann ist das schade», sagte «Holz», wie er in Frankfurt genannt wurde, einmal.

Rudi Völler würdigte die Eintracht-Legende als «tollen Fußballer und wunderbaren Menschen, der viele Titel und noch mehr Herzen gewonnen hat. Fußballerisch gab es wenig, das er nicht konnte», sagte der Direktor der Nationalmannschaft in einer Mitteilung des Deutschen Fußball-Bundes. DFB-Präsident Bernd Neuendorf sagte: «Bernd Hölzenbein war er ein überragender Fußballer und ein wundervoller Typ. Auf dem Rasen war er ein Schlitzohr, einer der Lösungen fand, die kein anderer gesehen hat.»

Den bisher letzten Titelgewinn seiner geliebten Eintracht konnte Hölzenbein noch live mitverfolgen. Beim Europa-League-Triumph 2022 in Sevilla war das Club-Urgestein noch einmal mit dabei, wenn auch im Hintergrund. Es war seine letzte große Reise mit der Eintracht. Ein leiser Abschied auf Raten – bedingt durch eine schwere Krankheit.

Hölzenbein hielt der Eintracht stets die Treue

Zu Beginn des Aufschwungs seines Herzensvereins war Hölzenbein noch mittendrin gewesen im Jubel und Trubel, der 2018 mit dem Triumph im DFB-Pokal einsetzte und sich 2019 mit dem Einzug ins Halbfinale der Europa League fortsetzte. Damals sehr zur Freude Hölzenbeins, der dem Verein auch in den schweren Zeiten in der zweiten Liga stets die Treue gehalten hatte.

«Bernd Hölzenbein hat unsere Eintracht fast 60 Jahre maßgeblich geprägt. Er steht ebenso für die „Goldenen 1970er Jahre‘ wie für den Europapokalsieg 1980 und auch den „Fußball 2000‘, den unser Verein Anfang der 1990er Jahre gespielt hat und an dem er als Vizepräsident maßgeblichen Anteil hatte», sagte Eintracht-Vorstandssprecher Axel Hellmann. Er bezeichnete Hölzenbein als «eine der ganz großen Identifikationsfiguren unseres Vereins, loyalen Mitarbeiter und liebenswerten Freund».

Im aktiven Profifußball-Business war Hölzenbein schon länger nicht mehr aktiv, als Eintracht-Chefscout hörte der ehemalige Profi nach der Saison 2016/17 auf und begründete dies auch mit seinem hohen Alter und dem Stress. In der Corona-Zeit hatte er sich als Risikopatient schnell zurückgezogen und Abwechslung auf dem Laufband im Wohnzimmer, mit einer Yoga-App oder im Garten gefunden, wie Hölzenbein einst der «Bild-Zeitung» erzählte.

Hölzenbein war in Frankfurt eine Institution – wie sonst nur noch die im März 2022 gestorbene Club-Legende Jürgen Grabowski, ebenfalls ein Weltmeister von 1974. Mit ihm prägte Hölzenbein, der mit 160 Toren Bundesliga-Rekordschütze der Eintracht ist, eine Erfolgsära am Main. Drei DFB-Pokalsiege 1975, 1976 und 1981 sowie der UEFA-Cup-Sieg 1980 gegen Borussia Mönchengladbach stehen in der Vita des Flügelstürmers. Den Pokal ließ er damals übrigens für eine Nacht verschwinden, weil er sich über seine geplante Auswechslung im Final-Rückspiel geärgert hatte.

Elfmeter-Diskussionen «kamen erst viel später auf»

Mit dem Dauerthema vom WM-Finale 1974 ging Hölzenbein irgendwann lockerer um. «Ein Elfmeter war es auf jeden Fall, der Schiedsrichter hat ja gepfiffen.» Aber lag der britische Referee Jack Taylor mit seiner Entscheidung auch richtig? Hölzenbeins Antwort: «Sagen wir es mal so: Es war ein Foul, aber keines, das mich heute noch stark beeinträchtigt.»

Immer wenn Deutschland und die Niederlande gegeneinander spielen, wird das Thema im Nachbarland neu aufgewärmt. Einmal hat ein niederländischer TV-Sender Hölzenbein sogar Geld dafür geboten, zu sagen: «Ich habe mich fallen gelassen.» Hölzenbein lehnte ab, weil er sich keiner Schuld bewusst war. Interessant übrigens, dass über den Elfmeter in den Niederlanden unmittelbar nach dem Spiel überhaupt nicht diskutiert wurde. «Das kam erst viel später auf», berichtete der gebürtige Mittelhesse.

Der WM-Titel von 1974 war ungeachtet der Diskussionen um die berühmte Szene für Hölzenbein das größte Erlebnis seiner Karriere. Nach seiner aktiven Laufbahn blieb er der Eintracht als Vize-Präsident und Manager erhalten, erlebte mit der launischen Diva vom Main Höhen und Tiefen. Hölzenbein genoss das magische Dreieck um Uwe Bein, Andreas Möller und Anthony Yeboah, litt mit dem Team bei der verpassten Meisterschaft 1992 in Rostock und geriet im Steuerprozess um Yeboah ernsthaft in Bedrängnis. Doch so wie «Holz» stets für die Eintracht da war, war der Club mit wenigen Ausnahmen auch für ihn da. Hölzenbein und die Eintracht – das war eine Verbindung fürs Leben.

Von Patrick Reichardt, Eric Dobias und Ulrike John, dpa
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