Kai Havertz (l) und Thomas Müller ergänzten sich gut. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Federico Gambarini/dpa)

Endlich wieder Tore als Starkmacher für Schwarz-Rot-Gold – und dann gleich sechseinhalb.

Die Abteilung Attacke reiste mit dem guten und lange nicht erlebten Gefühl ins EM-Basiscamp nach Herzogenaurach, dass es mit den «Hütten» wieder läuft, wie Außenbahn-Angreifer Robin Gosens seinen Premierentreffer in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft beim 7:1 gegen Lettland liebevoll nannte. «Es hat sich gut angefühlt auf dem Platz. Ein so richtig deutlicher Sieg ist jetzt auch schon länger her», sagte Thomas Müller, der nach über drei Jahren wieder im Nationaltrikot traf.

Nach Gosens und Mittelfeld-Antreiber Ilkay Gündogan trugen sich auch alle Top-Kandidaten für die Besetzung der ersten Angriffsreihe in die Torschützenliste ein: Rückkehrer Müller, Immer-Spieler Serge Gnabry, der zuletzt vor dem Tor oft glücklose Timo Werner sowie der um Effektivität ringende Leroy Sané. Und auch der erstarkte Kai Havertz durfte sich mindestens ein halbes Tor anschreiben lassen, als der lettische Torwart einen Schuss des Champions-League-Siegers in seinen Kasten ablenkte. «Die Effizienz war gut in diesem Spiel», urteilte Bundestrainer Joachim Löw eine Woche vor dem schweren EM-Auftakt gegen Frankreich zufrieden.

Müller und Havertz funktionieren zusammen

Auch die Konstellation mit Müller und Havertz gemeinsam auf dem Platz, die viele Experten wegen der Ähnlichkeit der beiden Spielertypen angezweifelt hatten, funktionierte. «Die Harmonie war gut. Beide haben auch mit Serge Gnabry sehr gute Wege gemacht, sind in die Tiefe gegangen. Dadurch hat man wieder Räume geöffnet vor der Abwehr», befand Löw. Er machte mit diesen Worten deutlich, dass diese Variante auch gegen die Franzosen erste Wahl sein dürfte. «Diese Drei vorne waren gut abgestimmt, obwohl sie die Positionen viel gewechselt haben. Dadurch gab es viele gute Aktionen Richtung Tor», lobte Löw.

Der Münchner Müller (31) netzte nicht nur zu seinem 39. Tor im 102. Länderspiel ein, er war auch noch an weiteren Treffern beteiligt. Sein Bayern-Kollege Gnabry (25) steht bei der beachtlichen Quote von 16 «Hütten» in 22 Partien für Deutschland. Und Chelsea-Champion Havertz, der am Tag des EM-Beginns 22 wird, unterstrich seinen Anspruch, dem paneuropäischen Turnier seinen Stempel aufdrücken zu wollen. «Ich bin mit gutem Selbstvertrauen angereist. Ich glaube, wir haben eine tolle Gruppe zusammen, da fühlt man sich auf dem Platz generell gut», sagte der ehemalige Leverkusener.

Dass sich auch noch die gegen Lettland nach der Pause eingewechselten Werner (25) und Sané (25) ihr persönliches Erfolgserlebnis holten, passte ins positive Bild der EM-Generalprobe. «Man sollte es nicht überbewerten», sagte Rekordnationalspieler und RTL-TV-Experte Lothar Matthäus. Aber psychologisch sei das klare Ergebnis sehr wertvoll für die Offensivspieler, die nun wüssten: ‚Hey, man kann Tore schießen.‘ Und es gab sechs verschiedene Torschützen.» Oder sogar sechseinhalb.

Müller sieht verbesserte Abläufe

Einen Grund für die neue Tore-Harmonie sieht der erfahrene Müller, der nach zweieinhalbjähriger Nationalmannschaftspause sein sechstes großes Turnier angeht, in der intensiven Trainingszeit in den Tiroler Alpen. «Seit wir komplett zusammen sind, haben wir als ganzes Team besser in den Abläufen gearbeitet», sagte der Weltmeister von 2014.

Löw will nun in Franken die Abläufe noch verfeinern und an der Flexibilität «feilen», um auch gegen stärkere Gegner vorn Zählbares rauszuholen. «Es wäre natürlich das Ziel des Ganzen, dass man im Turnier ein Tor macht», bemerkte Müller mit einem Lächeln.

Sané und Werner sind dagegen erst einmal in die Kategorie «Spezialkräfte» gerutscht, in der schon AS-Monaco-Stürmer Kevin Volland und Bayerns Jungstar Jamal Musiala stecken. Löw hatte diesen Begriff 2014 in Brasilien für Spieler wie Mario Götze, André Schürrle und Christoph Kramer geprägt, die auf ihren WM-Moment lange warten mussten, dann aber im Finale am großen Wurf entscheidend beteiligt waren. Sie durften damals als wahre Rio-Champions heimfliegen.

Von Jens Mende und Klaus Bergmann, dpa
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