Bundestrainer Julian Nagelsmann bei der Pressekonferenz am Frankfurter Flughafen. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Arne Dedert/dpa)

Julian Nagelsmann wäre wohl am liebsten in einen Überschall-Flieger gestiegen, um der massiven Kritik an der USA-Reise der Nationalmannschaft noch flotter zu entfliehen und endlich loslegen zu können.

Der neue Fußball-Bundestrainer brennt darauf, ein halbes Jahr nach seiner abrupten Ablösung beim FC Bayern München endlich wieder als Trainer auf dem Platz zu stehen. Als Wunschlösung hat ihm der DFB nach dem Flop mit Hansi Flick die so wichtige Heim-EM 2024 anvertraut.

Tatendurstig und mit durchgedrücktem Kreuz stand Nagelsmann am Vormittag am Frankfurter Flughafen vor dem Teamhotel auf einem roten Teppich, der aber nicht extra für ihn ausgerollt worden war. Und er verhehlte vor der Reportertraube nicht, dass er gewisse Entzugserscheinungen gespürt habe. «Kurzzeitig war Urlaub machen und Kraft tanken auch mal nicht schlecht. Ich bin in dem Fußball-Rad, seitdem ich 14 bin», sagte Nagelsmann: «Das war auch angenehm. Aber generell freue ich mich extrem, mit der Mannschaft zu arbeiten, wieder auf dem Platz zu stehen. Das ist das, was mir am meisten Spaß macht.»

Havertz fehlt zum Start

In Foxborough im US-Bundesstaat Massachusetts wird Nagelsmann mit seinem Stab um den ebenfalls neuen Co-Trainer Sandro Wagner das Team auf seine Länderspiel-Premiere am Samstag (21.00 Uhr/RTL) in Hartford gegen die US-Auswahl vorbereiten. Fehlen wird auf dem Gelände des Football-Clubs New England Patriots anfangs noch Kai Havertz, der wegen «einer kleinen Zahn-OP» am Wochenende erst am Mittwoch nachreisen kann. «Es ist nichts Wildes. Aber er braucht Erholung, bis vom Druck (am Kopf) her der Flug erlaubt wird», berichtete Nagelsmann.

Ansonsten erreichten Nagelsmann «keine negativen Meldungen» der weiteren 25 Akteure. Auch der Dortmunder Promi-Rückkehrer Mats Hummels, den nach dem BVB-Sieg gegen Union Berlin Probleme plagten, werde «voll spielen können», teilte der Bundestrainer mit. Der 34 Jahre alte Abwehrspieler schlenderte am Vormittag noch entspannt mit einem Coffee-to-go-Becher und einer Einkaufstüte eines Drogeriemarktes am Medienpulk vorbei. Vielleicht habe Hummels «die Zahnbürste vergessen», scherzte Nagelsmann. Die Stimmung passt also.

Nagelsmann baut – wie einst Joachim Löw – nochmal auf den Weltmeister von 2014, der zuletzt bei der EM 2021 im DFB-Trikot auflief. Nagelsmann will Hummels in den USA wie die übrigen Spieler in die «Grundstruktur» einführen, die in einer erfolgreichen EM münden soll. «Wir brauchen Spieler, die Verantwortung übernehmen. Mats hat viel Lust, wieder eine tragende Rolle zu spielen.» Womöglich schon in den Tests gegen die USA und Mexiko.

Fast 6000 Kilometer entfernt von der Heimat kann Nagelsmann ohne öffentlichen Rummel das Team intensiv kennenlernen und zusammenschweißen. Sechs Stunden Zeitunterschied können zudem dazu beitragen, sich nicht ablenken zu lassen von all den Debatten in Deutschland. «Ich versuche gar nicht, so viel von außen an mich ranzulassen, mich nicht triggern zu lassen von medialen Geschichten und dem, was im Sommer kommt», sagte Nagelsmann. Der Heimturnier-Druck soll weder ihn noch die Spieler belasten.

Nagelsmann versteht Kritik an USA-Reise

Das Kopfschütteln über den Trip in eines der drei Gastgeberländer der WM 2026 im Kollegen- und auch im Spielerkreis kann Nagelsmann trotz seiner Lust auf die anderthalb Wochen nachvollziehen. «Aus Vereinstrainersicht, da braucht man nicht rumzulügen, ist es relativ normal, dass man der Reise kritisch gegenübersteht. Das würde ich wahrscheinlich genauso sagen, wenn ich noch im Verein wäre», sagte der ehemalige Bundesliga-Coach.

Er hat extra einen großen Kader berufen und versprach zudem seinen Vereinstrainer-Kollegen Rücksichtnahme. Die Spieler sollten «maximal fit und gesund» wieder zurückkommen.

«Klar ist das extrem mit dieser Reise jetzt. Habe ich so auch noch nicht erlebt», sagte Bayern-Profi Leon Goretzka bei DAZN nach dem Münchner 3:0 gegen Freiburg. «Was ich persönlich extrem schade finde, ist, dass das zweite Spiel um 2.00 Uhr nachts deutscher Zeit ist. Das kann man nicht so wirklich nachvollziehen.»

Trotz seiner kritischen Töne ist der Mittelfeldspieler froh, dass ihn sein Ex-Coach Nagelsmann wieder ins DFB-Team zurückgeholt hat. Er sei «absolut bereit», sagte Goretzka.

Nagelsmann will spätestens in den USA kein Wehklagen mehr hören. «Wir haben alle eine große Verantwortung, die wir auch spüren, den besten Fußball für Deutschland zu spielen. Demnach sollten wir die Zeit nutzen und positiv damit umgehen», äußerte er deutlich.

Gute Reise-Wünsche erreichten Nagelsmann auch noch vom Tegernsee. Bayern-Patron Uli Hoeneß erwartet nämlich positive DFB-Impulse von dem bei seinem Verein im Frühjahr geschassten Nagelsmann. Im BR-Fernsehen bewertete Hoeneß am Sonntag die Ablösung von Nagelsmann im Frühjahr als «nicht unbedingt klug».

Hoeneß glaubt an den Nationaltrainer Nagelsmann: «Der ist vollkommen unverbraucht. Er hat sich jetzt gut erholt, der wird volle Fahrt nach vorne fahren», sagte er. Nagelsmann reagierte erfreut, «vor allem» darauf, «dass ich mit voller Fahrt vorangehe. Es geht jetzt um die Zukunft, und dafür hat er mir auch viel Glück gewünscht. Das ist mir mehr wert als die Vergangenheit.»

Von Ulrike John, Klaus Bergmann und Arne Richter, dpa
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