Julian Nagelsmann sprach Thomas Müller (l) vor dem Top-Spiel gegen Union Berlin eine Startelf-Garantie aus. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Federico Gambarini/dpa)

Julian Nagelsmann findet nicht, dass sich Julian Nagelsmann großartig ändern müsste. «So bin ich einfach», lautete ein Kernsatz des 35-Jährigen zum Ende seiner öffentlichen Redepause nach der verbalen Entgleisung («Pack») gegen das Schiedsrichterteam nach der für ihn nur extrem schwer zu verkraftenden Niederlage des FC Bayern München in Mönchengladbach. Das Verhalten des Meister-Trainers hatte viel Kopfschütteln und aufgeregte Debatten ausgelöst.

Nagelsmann will im Stadion ein emotionaler Trainer bleiben, auch an diesem Sonntag (17.30 Uhr/DAZN) im aufregenden Bundesliga-Topspiel gegen den unerwarteten, aber gleichwohl äußerst hartnäckigen Titelkonkurrenten Union Berlin. Aber, das kündigte Nagelsmann an: Seine Gefühle wolle er künftig «in andere Bahnen lenken».

«Wenn du gewinnst, ist Ruhe»

Es herrscht mal wieder eine spezielle Druck-Situation bei den Bayern. Nach zehn Meisterjahren am Stück werden sie in der Bundesliga zum Start in das letzte Saisondrittel ernsthaft bedrängt von punktgleichen Jägern wie Borussia Dortmund und den Eisernen aus Berlin-Köpenick. Und Nagelsmann geht dabei die Souveränität ab, die große Bayern-Trainer auszeichnet. Er weiß jedoch, was in einem Topspiel von einem Coach in München erwartet wird. «Die Formel bei Bayern ist so einfach wie komplex: Wenn du gewinnst, ist Ruhe. Wenn du nicht gewinnst, ist keine Ruhe. Also sollten wir gewinnen gegen Union Berlin», sagte Nagelsmann am Freitag.

Für die Verteidigung von Platz eins setzt er dabei auf Thomas Müller (33), der als Ur-Bayer Drucksituationen aus dem Effeff kennt. «Thomas wird am Sonntag beginnen», kündigte Nagelsmann nach «einem langen Gespräch» mit dem Kapitän an, den er beim 2:3 in Gladbach nach der frühen Roten Karte für den nun gesperrten Dayot Upamecano geopfert hatte. Müller sei natürlich «nicht glücklich» gewesen, bleibe aber eine «Vertrauensperson» für ihn. Als Joker kehrt zudem Stürmerstar Sadio Mané in den Kader zurück, mehr als drei Monate nach der schweren Verletzung am Wadenbeinköpfchen, die den Senegalesen um die WM-Teilnahme gebracht hatte.

Eiserner Härtetest im Top-Spiel

Nagelsmann ahnt, dass es auch gegen Union heiß hergehen könnte in der Allianz Arena. Das Staunen über den robusten Höhenflug der Berliner reißt ja nicht ab. Trainer Urs Fischer – als Trainer quasi ein Gegenentwurf zum aufbrausenden Nagelsmann – sorgt auch international für Furore mit seinem Team, das mit einem 3:1 gegen Ajax Amsterdam ins Achtelfinale der Europa League vorgestoßen ist. Das kostete viel Kraft, was den Bayern einen Vorteil verschaffen sollte. «Es geht darum, einen direkten Konkurrenten wieder auf Abstand zu bringen», sagte Nagelsmann.

Bayern-Chef Oliver Kahn hatte in dieser Woche versucht, den Fokus vom Trainer auf die Münchner Profis zu richten, die im Liga-Alltag seit Jahresbeginn immer wieder Probleme mit dem Lieferdienst haben. «Jetzt müssen die Spieler zeigen, dass sie Bayern München sind. Und so ein Spiel wie gegen Union Berlin, ein Duell um die Tabellenspitze, ist die perfekte Bühne», sagte Kahn. Joshua Kimmich äußerte nach der Niederlage in Gladbach: «Ich bin davon überzeugt, dass es uns nicht vom Kurs abbringen wird.»

Bayern und die Meister-Achterbahn

Nagelsmann erläuterte die Wankelmütigkeit der Bayern-Stars im Liga-Alltag nach x Meistertiteln mit einem Vergleich: «Wenn man im Freizeitpark eine Achterbahn das erste Mal fährt, ist das sehr spektakulär. Beim neunten Mal macht es auch noch Spaß, aber es ist nicht mehr so spektakulär wie beim ersten Mal.» Und doch hätten es die Münchner Profis in der Vergangenheit am Ende immer wieder hingekriegt.

Das wäre auch für ihn gut, wenn Nagelsmann als Trainer in München eine Ära prägen möchte. Titel sind dafür die Währung, nicht pubertäres Verhalten nach Niederlagen. «Ich ärgere mich schon, dass mir das passiert. Ich habe den Fehler eingesehen», sagte er im reumütigen Teil seiner Ausführungen am Freitag. Dass sein Ausbruch in Gladbach womöglich sogar einer mit Kalkül gewesen sei, bezeichnete der Trainer als «völligen Blödsinn». Er betonte vielmehr: «Es ist keine bewusste Entscheidung von mir, auf Abteilung Attacke zu gehen.»

Klaus Bergmann und Martin Moravec, dpa
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