Im Spiel zwischen Bochum und Dortmund hatte sich Sascha Stegemann nach einem Foul an Karim Adeyemi gegen einen Elfmeter entschieden. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Federico Gambarini/dpa)

Der riesige Ärger über den «fahrlässigen» Fehler ist längst noch nicht verflogen, doch Borussia Dortmund hat notgedrungen einen Schlussstrich unter die emotionale Schiri-Diskussion gezogen.

«Das war definitiv krass. Aber jetzt muss es auch gut sein», sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke der Deutschen Presse-Agentur, an dem der niedergeschlagene Schiedsrichter Sascha Stegemann seinen medialen Entschuldigungs-Marathon fortsetzte – und von ernst zu nehmenden Drohungen berichtete.

Stegemann stellt Strafantrag

Ihm und seiner Familie sei «sehr konkret gedroht» worden, sagte der 38-Jährige am Sonntag beim TV-Sender Sport1 im «Doppelpass». Er habe sich «leider dazu veranlasst gesehen, entsprechend Strafantrag zu stellen». Auch zeitliche Schutzmaßnahmen stünden im Raum. Die «Anfeindungen jeder Art» seien trotz aller Enttäuschung «nicht einmal im Ansatz» zu tolerieren, ließ Watzke auf der Vereins-Internetseite verlauten. Wohl auch, um die aufgeheizte Diskussion abzukühlen, betonte der BVB-Boss: «Wir akzeptieren die Einsicht und damit ist es jetzt für uns erledigt.»

Um das zu unterstreichen, durfte Jungstar Youssoufa Moukoko im vereinseigenen TV auch kämpferische Töne Richtung Titelrivale FC Bayern München schicken. «Warum es nicht vorbei ist?», fragte der Nationalspieler – um dann selbst die Antwort zu geben: «Weil wir uns von keinem Gegner, von keinem Schiri, von keiner Krankheit aufhalten lassen. Wir glauben daran, wir sind fest davon überzeugt.»

Auch Trainer Edin Terzic hatte schon am Freitag kurz nach dem 1:1 beim VfL Bochum seine Wut in Kampfgeist umgewandelt. Die zwei verlorenen Punkte würden nicht bedeuten, «dass wir aufhören oder aufgeben», betonte Terzic: «Wir sind Borussen.»

Wut beim BVB nach Bochum-Spiel

Die Schuld dafür, dass die Bayern am Sonntag durch das 2:0 gegen Schlusslicht Hertha BSC wieder am BVB vorbeiziehen konnten, sahen die BVB-Verantwortlichen vor allem beim Schiedsrichtergespann. «Was ich einfach fordere ist, dass man alles dafür tut, keine Fehlentscheidung zu treffen. Und das hat heute nicht stattgefunden», klagte Terzic. Sportdirektor Sebastian Kehl meinte gar, es sei «nicht mit rechten Dingen zugegangen» und deutete nebulös an: «Ich will nicht wissen, was passiert wäre, wenn der FC Bayern heute hier gespielt hätte.»

Die Dortmunder beklagten ein Foul an Emre Can vor dem 0:1 und forderten in der Schlussphase einen Handelfmeter, doch der große Aufreger war ein anderer: Der ausgebliebene Elfmeterpfiff nach dem Einsteigen des bereits verwarnten VfL-Verteidigers Danilo Soares gegen Karim Adeyemi, der in der Vorwoche noch Gelb wegen einer Schwalbe gesehen hatte.

Auf dem Platz habe er einen «gesuchten Kontakt» von Adeyemi wahrgenommen, sagte Stegemann, der seinen Fauxpas in diversen Medien einräumte und zu erklären versuchte. Die Sache hänge ihn «noch sehr in den Knochen», gab der Diplom-Verwaltungswirt zu. Er wolle nun «die Dinge sacken lassen» und sich «Gedanken dazu machen, ob eine Pause Sinn macht oder ob es nicht sogar besser ist, sofort weiterzumachen».

In der Kritik stand aber auch Video-Assistent Robert Hartmann, der trotz der Fernsehbilder keine krasse Fehlentscheidung erkannte und aus Köln nicht intervenierte oder Stegemann zumindest in den Review-Bereich schickte. «Es wäre sehr, sehr hilfreich gewesen, wenn da ein entsprechender Impuls gekommen wäre», meinte Stegemann.

Kobel zeigt sich selbstkritisch

Dass dies in einer so heiklen Saisonphase im engen Titelrennen nicht geschehen ist, erzürnte Kehl. Das sei «absolut fahrlässig» gewesen, er halte es «für feige und für komplett falsch». Terzic erklärte die hochgekochten Emotionen mit einem Lebenstraum: «Es ist für uns eine einmalige Chance, es ist vielleicht für mich eine einmalige Chance in meinem Leben, so nah an die Meisterschale zu kommen.» Deswegen sei seine einzige Bitte an Stegemann gewesen: «Schau es dir an, wenn du dir nicht sicher bist bei dem Tempo!»

BVB-Torwart Gregor Kobel suchte die Schuld aber nicht nur beim Schiedsrichter-Team. «Wir hatten noch Chancen zu treffen. Wir müssen das Spiel gewinnen», sagte der 25-Jährige. Nicht zum ersten Mal in dieser Saison versäumten es die Dortmunder, ihre spielerische Überlegenheit für genug Tore zu nutzen. Neben der Niederlage im Rückrunden-Duell mit den Bayern (2:4) könnten am Ende vor allem die verpassten Siege gegen die Abstiegskandidaten Schalke (2:2), Stuttgart (3:3) und nun Bochum die Meisterschaft kosten.

«Noch ist nichts vorbei, noch nichts entschieden. Wir müssen jetzt nach vorne gucken», forderte Kobel. «Wir sind eine sehr gute Mannschaft mit sehr vielen Top-Charakteren, die auf jeden Fall wieder aufstehen werden. Wir haben noch ein großes Ziel. Dafür müssen wir kämpfen.»

Thomas Eßer, Heinz Büse und Jörg Soldwisch, dpa
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