Bayern-Profi Kimmich will sich nun doch impfen lassen. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Sven Hoppe/dpa/Archivbild)

Was müssen Profifußballer an öffentlicher Kritik aushalten? In der Causa Joshua Kimmich hat diese Frage, die angesichts der oft privilegierten Stellung und teils horrenden Gehälter der Sportler schon lange diskutiert wird, eine neue Zuspitzung erhalten.

Die Fußballer bekämen ja ein entsprechendes Schmerzensgeld, heißt es häufig, wenn sie nach schwachen Leistungen medial oder auch in Fankreisen verbal zerrissen werden. Die Debatte um Kimmich und seinen Impfstatus hat längst aber auch weniger sportaffine Teile der Gesellschaft erreicht – und nach Meinung des Nationalspielers auch Grenzen überschritten. Womöglich hat sie aufgrund ihrer Wucht nun jedoch auch eine wichtige Signalwirkung.

Für sein Zögern erntete Kimmich viel Kritik

Der 26-Jährige, der zunächst auf den Piks gegen Corona verzichtete, sich dann mit dem Virus infizierte und sich nun doch impfen lassen möchte, ist eine Art Symbol der Corona-Problematik in Deutschland geworden. Ein Beispiel dafür, wie man sich nach Ansicht zahlreicher Politiker, Wissenschaftler und Gesundheitsexperten besser nicht verhält. Ein Sinnbild der Uneinsichtigen und auch des Spalts, den die Impffrage durch die Gesellschaft zieht. Ausgerechnet Kimmich, der immer als ebenso clever wie ehrgeizig galt, als Musterprofi.

Für sein Zögern und seine Bedenken zur Impfung erntete er viel Kritik, für seine häusliche Isolation zunächst als Kontaktperson und dann als Infizierter mindestens so viel Häme wie Mitgefühl, für sein Umdenken nun aber auch Lob und Anerkennung – unter anderem von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Julian Nagelsmann, sein Trainer beim FC Bayern München, begrüßte es, dass Kimmich sich nach langem Schweigen nun nochmals erklärte. «Ich finde es grundsätzlich gut, dass er gesprochen hat, dass er ein bisschen ausgeholt hat über seine Gefühle und Gedanken. Er hat das Heft des Handelns in die Hand genommen», sagte Nagelsmann am Montag.

Fußball als Sündenbock

«Da wurden einfach Grenzen überschritten, wo manche aufgesprungen sind auf diesen Zug, um sich da zu profilieren, um die ganze Diskussion für sich selbst zu nutzen, und das verurteile ich absolut», hatte Kimmich im ZDF über die nun schon seit sieben Wochen andauernde Debatte um seinen Impfstatus gesagt. Werte wie Respekt, Toleranz und Offenheit hätten ihm dabei gefehlt, so der Mittelfeldspieler. Er sei sich seiner Vorbildrolle durchaus bewusst, versicherte Kimmich. Wie für die Politik sei es in der Pandemie aber auch für ihn schwer, immer die richtige Entscheidung zu treffen.

Obwohl ihr Betrieb im Vergleich zu anderen Branchen und Sportarten fast durchgehend weiterlief, fühlten sich Teile des Profifußballs in der Corona-Krise schon oft als Sündenbock und glaubten, für eventuelle Fehler oder Versäumnisse der Regierung herhalten zu müssen. «Hier und da ist man das Gefühl nicht losgeworden, dass der Profifußball von Einzelnen auch genutzt wird, um in die Medien zu kommen oder von anderen Dingen abzulenken», hatte Liga-Chef Christian Seifert Ende November der «Süddeutschen Zeitung» gesagt und auf eine Impfquote von mehr als 90 Prozent bei den Bundesliga-Clubs verwiesen.

Bewegung in der Impfdebatte

Womöglich sendet die Causa Kimmich nun ein wichtiges Zeichen. An die Spieler und Betreuer, die sich bislang gegen das Vakzin entschieden haben. Und auch an die Deutschen, die trotz aller Appelle noch nicht vollständig geimpft sind. Schon vor dem Münchner gab es prominente und teils dramatische Corona-Fälle in der Bundesliga. Herthas Torhüter Rune Jarstein etwa saß infolge seiner Infektion zwischenzeitlich sogar im Rollstuhl, der Freiburger Außenverteidiger Jonathan Schmid hat seit Mitte August kein Spiel mehr bestritten. Die größte Bewegung in die Impfdebatte brachte unfreiwillig aber Kimmich.

Der Preis, den er dafür bezahlen musste, ist hoch. Weniger, weil ihm während seiner Quarantäne vom Club das Gehalt gekürzt wurde. Sondern mehr, weil er wegen seiner erlittenen Lungenprobleme frühestens im Januar wieder spielen wird – und sein Ruf massiv gelitten hat.

«Bei einer Person des öffentlichen Lebens hat die Allgemeinheit oft so ein bisschen das Gefühl, dass man die Dinge alle abkönnen muss, dass das normal ist und dass das dazugehört zu dem Beruf, wenn man da steht. Aber in meinen Augen gehört das nicht dazu», sagte Bayern-Trainer Nagelsmann kürzlich. «Ich finde es teilweise verwerflich, wie über Fußballer gesprochen wird», betonte Kölns Coach Steffen Baumgart im «Kicker». Kimmich, ob selbstverschuldet oder nicht, musste das besonders schmerzhaft erfahren.

Von Christoph Lother, Christian Kunz und Christian Hollmann, dpa
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