Steht nach dem verlorenen Relegationshinspiel mit dem Rücken zur Wand: Hamburgs Trainer Tim Walter. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Tom Weller/dpa)

Selbst der Daueroptimist Tim Walter hatte in diesem Moment des nächsten Relegations-Tiefschlags keine andere Antwort parat.

Als er gefragt wird, was ihn nach der 0:3-Lehrstunde bei seinem früheren Club VfB Stuttgart noch positiv stimme, sagte der Trainer des Hamburger SV bloß: «Der Volkspark.»

Bundesliga bleibt wohl Sehnsuchtsort

Wenig spricht nach der ersten Halbzeit der Relegation noch für seine Mannschaft. Daher setzt der HSV-Anführer auf Hilfe von außen: auf die Fans. Das machten seine Worte bei der Pressekonferenz unfreiwillig noch einmal klar. Der schwache Auftritt seiner Spieler war zu ernüchternd, als dass er hoffnungsfroh stimmte. Die Beletage des deutschen Fußballs bleibt auch nach fünf Jahren Zweitklassigkeit für die Hamburg wohl weiter ein Sehnsuchtsort.

Ohne ein Fußball-Wunder wird das erneute Scheitern am Montag (20.45 Uhr/Sat.1 und Sky) Gewissheit werden. «Wir müssen uns strecken, dass wir am Montag vielleicht das Unmögliche möglich machen. Wir geben auf jeden Fall nicht auf», sagte Walter. Mehrfach richtete er sein Mikrofon, er sprach von einem «gebrauchten Tag».

«Was soll uns passieren?»

Die Hamburger klammern sich an die besondere Atmosphäre im ausverkauften Volksparkstadion, der Wucht der 57 000 Zuschauer und an den Fakt, dass es eine zweite Chance gibt. Was jetzt Hoffnung mache? «Dass es noch ein Rückspiel gibt», sagte HSV-Kapitän Sebastian Schonlau. «Es kann doch nicht mehr schlimmer werden. Was soll uns passieren?», so der Abwehrchef. «Ab jetzt kann es nur noch bergauf gehen. Daraus kannst du auch Kraft ziehen. Wir spielen zu Hause. Die Fans werden uns nach vorne treiben.»

Trotz allem gaben sich die HSV-Spieler Mühe, Optimismus zu verbreiten. Ihre Stimmen klangen aber nicht so kämpferisch, wie die Sätze rüberkommen sollten. Beispielsweise bei Daniel Heuer Fernandes. «Wir müssen weiter an uns glauben. Jeder, der uns kennt weiß, dass wir Rückschläge schon verkraftet haben», sagte der Torhüter, der eine höhere Niederlage verhindert hatte.

Überzeugender VfB-Auftritt

Der Auftritt des VfB Stuttgart war allerdings überzeugend wie selten in dieser Saison. Die Schwaben zeigten mehr Offensivpower, mehr Tempo, mehr Qualität. Von Beginn an demonstrierten sie, dass sie am Ende einer Saison mit viel Frust in der ersten Liga bleiben wollen.

Das mündete in dem schnellen 1:0 von Konstantinos Mavropanos (1.) und nach der Pause in den Toren des früheren HSV-Profis Josha Vagnoman (51.) und von Serhou Guirassy (54.). Nicht nur VfB-Sportdirektor Fabian Wohlgemuth erkannte einen «Ligenunterschied».

Hoffnung macht dem HSV vielleicht noch, dass der VfB selbst in den vergangenen Monaten für Negativerlebnisse gut war und angesichts seines Chancenwuchers eine glänzendere Ausgangsposition vergab. Das Gastspiel im Südwesten offenbarte jedoch einmal mehr die Abwehrschwächen der Hamburger, die auch ein Grund für den verpassten direkten Aufstieg gewesen waren.

Wieder scheint sich der Bundesligist durchzusetzen

So waren «Zweite Liga, Hamburg ist dabei»-Gesänge zu hören, als die HSV-Profis über die Stuttgarter Stadion-Baustelle in die Katakomben schlichen.

Wieder einmal scheint sich in den Entscheidungsspielen der Erstliga-16. durchzusetzen. Die Statistik sprach nach dem 0:3 noch mehr gegen den HSV als ohnehin schon. In den sechs von 24 Duellen, in denen der Aufstieg gelang, hatte keiner der Clubs das Hinspiel verloren.

«Mit Sicherheit» habe es auch an der individuellen Qualität gelegen, räumte Walter ein und kritisierte seine Defensive vor allem bei den zwei Gegentoren nach Eckbällen. «Mir fehlt einfach die Konsequenz», haderte der 47-Jährige: «Wir haben als Team nicht so agiert, wie ich mir das vorstelle. Nur wenn wir 100 Prozent da sind, können wir Spiele gewinnen.»

Walter: «Vertraue meiner Mannschaft zu hundert Prozent»

Für Walter endete die Rückkehr nach Stuttgart, wo er 2019 nach nur einem halben Jahr als Trainer gescheitert war, mit dem nächsten schweren Rückschlag. Offensiv hatte der Coach wie Sportvorstand Jonas Boldt davon gesprochen, dass es nach dem verpassten Aufstieg in der Relegation 2022 gegen Hertha BSC Zeit sei für die Bundesliga-Rückkehr.

Nun blieb ihm nur der Trotz. «Ich vertraue meiner Mannschaft zu hundert Prozent. Wenn wir zu Hause mit unseren Zuschauern, ein schnelles Tor schießen und gut reinkommen, dann wird das getoppt», sagte der Coach bei Sky. Darauf habe er seine Elf eingeschworen. «Ich habe ihnen gesagt, dass wir alles schaffen können», berichtete er in seiner typischen Art: «Nur Verlierer fallen hin, Gewinner stehen auf.» Sein Kapitän Schonlau meinte: «Wenn er das vorgibt, dann glauben wir das.»

Kristina Puck, dpa
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