Das Interesse der Deutschen an der Nationalmannschaft hat in den vergangenen Jahren abgenommen. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Tom Weller/dpa)

Beim Blick ins Land des Weltmeisters dürften die Macher des deutschen Fußballs neidisch werden.

Die teils chaotische, aber maximal euphorische Triumph-Parade von Lionel Messi und Co. auf den Straßen Buenos Aires, begleitet von etwa fünf Millionen glückseligen Argentiniern, war der emotionale Höhepunkt einer spürbaren Verbundenheit von Fans und Team während der WM in Katar. Das Kontrastprogramm dazu war zweieinhalb Wochen zuvor in Deutschland zu sehen, als die Nationalspieler nahezu unbehelligt nach der WM-Rückkehr schnell und wortlos das Weite gesucht hatten.

Wenn das zweite WM-Vorrundenaus hintereinander nicht mal mehr Empörung auslöst, dann ist die Entfremdung zwischen Fans und Nationalmannschaft weit vorangeschritten. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur hat bei 46 Prozent der Befragten das Interesse an der DFB-Elf zuletzt nachgelassen. Schlechte Voraussetzungen für ein neues Sommermärchen bei der Heim-EM in anderthalb Jahren. 

Hochgefühl längst gewichen

Das Hochgefühl der Weltmeisterschaft 2006 und des WM-Triumphs acht Jahre später ist längst einer Tristesse gewichen. Und die will der kürzlich gegründete Expertenrat, der die Neuausrichtung bestimmen soll, mit als Erstes angehen. «Wie gewinnen wir die Begeisterung und die Liebe für die Nationalmannschaft zurück, für die wichtigste Mannschaft unseres Landes?» – das ist laut Rudi Völler eine entscheidende Frage für das siebenköpfige Gremium, dem der ehemalige Teamchef selbst angehört.

Mit Erfolg allein scheint der Riss nicht zu kitten. Schon in den Monaten vor der WM habe er gespürt, «dass da etwas verloren gegangen» sei, sagte Völler der «Sport Bild». In Katar bestätigte sich dieses Bild. Bei anderen Teams habe er «massive Unterstützung» gespürt, da sei «der Funke übergesprungen», erzählte DFB-Präsident Bernd Neuendorf.

Und Karl-Heinz Rummenigge, der ebenfalls im Expertenrat sitzt, berichtete fast neidisch von vor Ort: «Hier laufen Tausende Argentinier mit dem Messi-Trikot durch Doha.» Deutsche Fans sah man fast nur an Spieltagen, und auch dann eher dezent. Und zu Hause stimmten die Zuschauer mit der Fernbedienung ab: Die schwachen Quoten beunruhigen nicht nur ARD und ZDF. 

Spieler spüren die Ablehnung

Die Spieler spürten die Ablehnung gegenüber dem umstrittenen Ausrichter, aber auch gegenüber dem Team selbst. «Es ist schon erschreckend, wie viel Missgunst der Nationalmannschaft von der Öffentlichkeit in Deutschland entgegengebracht wurde», sagte Niklas Füllkrug der «Sport Bild». Er habe schon als Zuschauer nach dem WM-Aus 2018 das Gefühl gehabt, dass der DFB-Auswahl «teilweise eher der Misserfolg statt der Erfolg gewünscht wird». 

Auch Trainer Steffen Baumgart vom 1. FC Köln zeigte sich «sehr traurig» über den fehlenden Rückhalt: «Ich habe noch nie erlebt, dass ein Land so wenig hinter seiner Nationalmannschaft steht, wie es bei uns der Fall ist.»

Ganz so negativ sieht es Neuendorf nicht. Die Identifikation mit der Nationalmannschaft sei nicht verloren gegangen, aber das «Feuer» müsse neu entfacht werden. Aber wie? «Wir müssen mit Demut Fußball spielen. Und wir müssen wieder Herzblut reinbringen», forderte Rummenigge und nannte die WM-Überraschung Marokko diesbezüglich als Vorbild. Bundestrainer Hansi Flick versicherte: «Wir haben es kapiert.»

Doch selbst ein erfolgreicherer und leidenschaftlicherer Fußball wird die Herzen der Anhänger nicht automatisch zurückgewinnen, meint Helen Breit. Die Sprecherin des Fanbündnisses «Unsere Kurve» forderte den Deutschen Fußball-Bund (DFB) auf, die «wenigen treuen und zugleich kritischen Fans» in den Gestaltungsprozess mit einzubeziehen. 

Die Selbstorganisation der Fans im Zusammenhang mit der Nationalelf müsse wieder gestärkt werden, «statt sie weiterhin in Mitgliedschaftssysteme zu zwingen und sich ausschließlich Event-Fans heranzuzüchten», sagte Breit der dpa.

Zunehmende Kommerzialisierung

Laut Breit erntet der DFB nun das, was er seit der WM 2006 mit der zunehmenden Kommerzialisierung der Nationalmannschaft gesät hat. Event-Fans bleiben nun mal – anders als bei der stärkeren Identifikation im Vereinsfußball – «weg, wenn das Event nicht mehr den Ansprüchen entspricht. Sprich: Der sportliche Erfolg ausbleibt», argumentierte Breit. 

Ein Punkt, den Rummenigge einsieht. Es gehe nun «nicht um Marketing, nicht um Merchandising. Da geht es um Zusammenhalt». Den hatte einst Oliver Bierhof in dem Slogan «#ZSMMN» (zusammen) zu veranschaulichen versucht. Doch die gemeinsam mit dem damaligen Hauptsponsor Mercedes initiierte Kampagne entpuppte sich als Eigentor. 

Bierhoffs Idee, den Begriff «Die Mannschaft» zur Marke zu entwickeln, war gar ein Dauerärgernis für viele Fans. Der DFB-Direktor räumte nach der WM seinen Posten, der Beiname ist inzwischen gestrichen – doch für was steht die Nationalmannschaft jetzt?

«Wir müssen einen Stamm und Kern finden, der jedem in Deutschland klar ist. Das ist enorm wichtig, gibt Stabilität und Identifikation», forderte der frühere Weltmeister Philipp Lahm. Das sei «das A und O, wenn ich auf die EM 2024 im eigenen Land blicke», sagte der Organisationschef des Heimturniers dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. 

Auch Werder Bremens Profifußball-Leiter Clemens Fritz forderte ein klares Profil, das die Fans abholt: «Wichtig ist es für die ganze Nation, da wieder eine Identifikation herzustellen.»

Jörg Soldwisch, dpa
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