Das Spiel gegen die Bayern gedreht: Der Mainzer Leandro Barreiro Martins (M) jubelt nach dem 2:1 mit seinen Teamkollegen. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Thomas Frey/dpa)

Oliver Kahn senkte den Kopf und verharrte so einen Augenblick, bis er lospolterte.

«Ich weiß nicht, wer hier deutscher Meister werden wollte? Es gab rote Trikots auf dem Platz, aber das war ganz bestimmt nicht unsere Mannschaft», schimpfte der Vorstandschef von Bayern München nach der 1:3 (1:0)- Blamage am Samstag beim FSV Mainz 05, durch die sich die Krise des Rekordmeisters weiter zuspitzt. Wenige Stunden später übernahm Borussia Dortmund die Tabellenführung – der BVB ist jetzt einen Punkt vor den Bayern. «Mit so einer Ausstrahlung wird es ganz schwer, Meister zu werden, aber wir werden keinen Millimeter nachgeben, auch nicht in dieser Saison», sagte Kahn. 

Dass nach dem Aus in den Viertelfinals der Champions League und des DFB-Pokals das Aufbäumen fehlt, die desaströse Saison zumindest mit dem elften nationalen Titelgewinn in Serie zu beenden, machte Trainer Thomas Tuchel ratlos. «Die Mannschaft wirkt, als hätte sie schon 80 Spiele gemacht. Sie wirkt ausgelaugt», meinte der 49 Jahre alte Ex-Mainzer, der hier von 2009 bis 2014 seinen ersten Bundesliga-Trainerjob hatte und eine bittere Rückkehr erlebte. 

Eine wirkliche Erklärung hatte er für den widerstandslosen Absturz in der zweiten Halbzeit, nach einer passablen ersten Hälfte mit dem Führungstor von Sadio Mané (29. Minute) nicht. «Ich weiß es nicht. Muss man mal abwarten, was das bedeutet, aber wir tun uns wahnsinnig schwer, Spiele zu gewinnen», sagte Tuchel. «Die Punkte weg, wie Sand durch die Hände.» Es sei einfach zu viel passiert für die Mannschaft, «die kann sich nicht mehr auflehnen dagegen, wenn Dinge schieflaufen».

Mainz mit «Glück» und dem «Momentum»

Statt Standpauken und Krisengesprächen verordnete er seinen Spieler eine dreitägige Pause bis Mittwoch, die «dringend für alle» gebraucht würde, betonte Tuchel: «Weil Energie fehlt, und die holen wir uns nicht, wenn wir alle einbestellen und weitermachen.» Auch Kapitän Thomas Müller begrüßte diese Auszeit, um sich von «der eigenen Familie wieder aufpäppeln» zu lassen. Denn: «Ich spüre eine gewisse Leere und Ratslosigkeit.» 

Nach einer zu passiven ersten Halbzeit zeigten die Mainzer jene Tugenden, die den Münchnern aktuell fehlen: Neue Energie mobilisieren, mutiger agieren und den Teamgeist stärken. Mit sensationellem Erfolg!  Ludovic Ajorque (65.), Leandro Barreiro (73.) und Geburtstagskind Aarón Martín (79.) drehten die Partie in der zweiten Halbzeit. Die Mainzer stellten mit dem zehnten Spiel ohne Niederlage in Serie einen Vereinsrekord auf und hoffen nun immer mehr auf einen Europapokal-Platz.

«Eine Steilvorlage haben wir gegeben», sagte 05-Sportdirektor Martin Schmidt ohne das Wort Europacup in den Mund zu nehmen. «Dass man Bayern in der zweiten Halbzeit 3:0 schlägt, ist eine unglaubliche Geschichte für Mainz 05 und die Vereinshistorie.» Es war bereits der dritte Heimerfolg der Rheinhessen gegen den Rekordmeister nacheinander.

«Wir hatten Glück, nur mit einem 0:1 in die Halbzeit zu gehen», sagte der 05-Trainer Bo Svensson, der fünf Jahre unter Tuchel als Innenverteidiger in Mainz gespielt hatte. «Ich bin stolz auf meine Mannschaft. «In der ersten Halbzeit waren wir bis zum 1:1 auch nur die zweitbeste Mannschaft, aber danach habe man gemerkt, dass die Energie und das Momentum gekommen ist.»

Andreas Schirmer, dpa
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